64, ODER WAS STAND AM ANFANG ALLER DINGE (2006)


UM:DRUCK
Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur
Nummer 2 Dezember 2006
EDITION JUGENDFREI IN UM:DRUCK
Eine druckgraphische Reihe der Graphik- Werkstatt der wiener kunst schule
64, ODER WAS STAND AM ANFANG ALLER DINGE?
Renata Brigitte DARABANT: 64, 2006, Holzschnitt, 21x30 cm, Auflage: 64


Ein Schreib-Diskurs über einen Holzschnitt von Renata Darabant.
Von Renata Darabant und Philipp Maurer

"Das Ungeborene ist aber im Grunde nicht ungeboren,
das Gestaltlose ist im Grunde nicht gestaltlos"
Das Buch des gelben Kaisers, Lieh-Tsu

R.D.: Als mir die Frage nach dem Anfang aller Dinge gestellt wurde, wusste ich dass es keine eindeutige Antwort gibt. Das weckte mein Interesse für dieses Thema. Während meiner Recherche zog ich Bücher zu Rate, wie die Bibel oder das Buch der Wandlungen, suchte nach Schöpfungsmythen. Sie sind sich alle darin einig, dass sich die Welt aus einem chaotischen Urzustand entwickelt habe.
Meist war es der Akt der Trennung der Ordnung ins Chaos brachte. Schöpfung shcien also die Trennung der durchmischten Eigenschaften zu sein, die schaffung von Polaritäten, um Leben möglich zu machen.

P.M.: Chinesische, indische Philosophie bieten Ordnungsschemata jenseits der scheinbar so geordneten bürgerlichen Welt. Sie bieten Orientierung, Ausweg, alternatives Denken. Solches Denken zieht alle Denk-Traditionen heran, verbindet weit ausseinander liegendes, schafft neue Welten.

R.D.:Chaos stand am Anfang aller Dinge, ein abwechslungsreicher, dynamischer Zustand der sowol Ordnung als auch Unordnung hervorbringen konnte- so beschrieb es die Forschung. Ich suchte nach Wegen chaotische Systeme so darzustellen, dass se in Beziehung mit Menschen traten.

P.M.: Aktuelle junge Kunst changiert zwischen  Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen genau umschriebener Form und freiem Formexperiment. Assoziationen werden nahe gelegt, Feststellungen getroffen. Dinge werden in ihrer Entstehung, ihrem Sosein und ihrer Veränderlichkeit gezeigt. Unbeständiges, Unbestimmtes interessiert. Realistische Weltsicht geht eine nachdenkliche Symbiose mit alter, d.h. vorbürgerlicher, vorkantischer Philosophie und Mystik ein.

R.D.: Die Psychoanalyse bot sich an. Um das Seelenleben der Menschen zu erforschen, benützten Psychologen unter anderem Rorschachtests. Die Wahrnehmung des Menschen sucht ständig nach Mustern und Zusammenhängen, erfindet Bilder und Bedeutungen für die Tintenkleckse.

P.M.: "Da die Determiniertheit der Signa dem auswertendemPsychologen gewisse Freiheiten lässt, die sich besonders bei der Interpretation nach Erfassungs- und Erlebnistypus ins Spiel setzen, muß das Verfahren zu den subjektiven gezählt werden." ( James Drever: W.D. Fröhlich: dtv-Wörterbuch zur Psychologie, dtv, München 1970) Es werden Merkmale, Einstellungen, Persönlichkeitseigenschaften, Projektionen und Phantasieleistungen der Versuchspersonen interpretiert.

R.D.: De Tests eigneten sich, die chaotischen des Geistes, der Psyche und der Wahrnehmung einzufangen. In meinem Holzschnitt legte ich deshalb die Konturen von 64 Rorschachtests aufeinander. Die Zahl wählte ich nicht willkürlich. Ihre Bedeutung spiegelt die 64 Felder des Schachspiels, 64 Hexagramme der I Ging und 64 Kombinationsmöglichkeiten der Basentripletts im genetischen Code wider.

P.M.: Der Rorschach-Test, 1921 vom schweizer Psychater Hermann Rorschach veröffentlicht, zeichnet sich durch die Verwendung und Interpretation optischer Signale (Tintenkleckse) und drch seine Subjektivität aus. Durch beide Eigenschaften ist er der bildenden Kunst naheliegend. Durch seiine Nähe zur Archetypenlehre C.G. Jungs - Rorschach war Jung- Schüler - steht der Test in inhaltlicher und theorethischer Beziehung zum Ursprünglichen, zu den Anfängen menschlichen Denkens. Und damit in einer wichtigen bildnerischen Tradition des 20. Jahrhunderts - es sei auf Paul Klee verwiesen: "Kunst verhält sich zur Schöpfung gleichnisartig. Sie ist jeweils ein Beispiel, ähnlich wie das Irdische ein kosmisches Beispiel ist." (Paul Klee: Kunst verhält sich zur Schöpfung gleichnisartig (1920). Zit. nach: Paul Klee: Vorbild-Urbild. Hrsg. v. Otto Breicha, Kunstforum Länderbank, Wien 1986, S.32)
Das Rätsel des Ursprungs bleibt, das Enigmatische erweist sich weiterhin als wesentliches Element gelungener künstlerischer Gestaltung.

R.D.: Chaos stand am Anfang aller Dinge, nicht als Bedrohung, sondern als Keimzentrum der Kreativität, als elementare Eigenschaft, allem Lebendigen innewohnend.

P.M.: Dass die Suche nach dem Ursprung gerade im Holzschnitt erfolgt ist schon ein erster Schritt zur lösung des Rätsels, zumindest des Rätsels der Bildentstehung. Aber dahinter liegen noch jede Menge anderer Rätsel.
Wir BetrachterInnen der Arbeit von Renata Darabant agieren emotional und intellektuell wie Versuchspersonen und wechseln dann in die Rolle unseres eigenen Therapeuten. Solch kompliziert wirkender Vorgang wird im allgemeinen als Erkenntnisprozess bezeichnet. Er endet nur mit der Lösung des Rätsels. Ohne Lösung des Rätsels endet er nicht, wird  selbst zum unendlichen (Kunst- ) Prozess.


Philipp Maurer betreibt das "Offizin für Druckgraphik" und ist als Herausgeber von UM:DRUCK, Österreichs erstem Magazin für Druckgraphik, tätig.

Sein Interessenfeld reicht von Bildender Kunst, Musik, Literatur bis zum Kabarett – alles unter einem philosophischen, einem zeit- und sozialkritischen Aspekt. Er organisiert laufend Ausstellungen und schreibt Essays zur bildenden Kunst, Katalogtexte für KünstlerInnen, Buchrezensionen, Aufsätze zur Erwachsenenbildung, zur Literatur usw.

Renata Brigitte Darabant, geboren am 15.Februar 1986 in Oradea (Nagy Várad, Großwardein), Rumänien. Wanderte mit der Familie 1992 nach Österreich aus. Nach der Matura Studium der Graphik an der wiener kunst schule.


EDITION JUGENDFREI
junge Kunst mit Tradition